Concordia Nowawes

Im Interview (Folge 12): Laura Wehrmann

Laura Wehrmann ist Erzieherin und kam über ihre Tätigkeit mit jugendlichen Geflüchteten mit Concordia in Kontakt. Heute ist sie die bislang einzige Frau in unserem Vereinsvorstand. An den Spieltagen und danach kümmert sich Laura um die vielen undankbaren Aufgaben wie den Ordnungsdienst und die Sportgerichtssachen. Vor kurzem hat sie ein Studium als Sozialarbeiterin begonnen. Wir haben sie zu ihrem Weg zu Concoardia, zu ihren Erfahrungen mit den Fußballfunktionären der Kreisklasse, zu den Problemen junger Geflüchteter in Deutschland, zu ihren Wünschen an unsere Fans und natürlich zur sportlichen Perspektive unseres Erwachsenenteams befragt.

Hallo Laura, wie bist Du zu Concordia gekommen? Was gefällt Dir an unserem Verein?

Laura Wehrmann: Ich glaube, mein erstes Spiel einer jungen Jugendmannschaft habe ich durch einen engen Freud gesehen, der bis vor kurzem jahrelanger Trainer bei Cordi war. Aber der erste engere Kontakt war da, weil ich in meiner Zeit in der Erstaufnahme von jungen unbegleiteten Geflüchteten immer öfter mit Trainern in Kontakt war, um die Jungs bei Cordi anzumelden. Als das jetzige Erwachsenenteam noch in der A-Jugend spielte, kam ich zuschauen, um meine Jugendlichen mal in Aktion zu sehen und dann bin ich einfach immer weiter zu (fast) jedem Spiel gekommen. Dann hat es nicht lange auf sich warten lassen, dass ich von einigen Seiten angesprochen wurde, ob ich mir vorstellen könnte, in den Vorstand zu kommen. Ohne zu wissen, was auf mich zukommen würde, habe ich mich überzeugen lassen und wachse nun langsam Stück für Stück rein.

Ich war sehr schnell davon angetan, wie der Umgang im Verein untereinander ist, ganz zu schweigen vom Erwachsenenteam untereinander. Die Herzlichkeit und Zugewandtheit haben mich sofort begeistert. Es herrschen keine toxischen Hierarchien aufgrund von Stellung oder vermeintlicher besserer Leistung, das ist wundervoll.

Vor ihrer Concordia-Karriere konnte man Laura oft in der Nordkurve des Karli antreffen.

Du kümmerst Dich beruflich um Minderjährige und junge Erwachsene, die aus anderen Ländern nach Deutschland geflohen sind. Wovon träumen diese Menschen und was sind die häufigsten Probleme, die ihnen hier im Wege stehen?

Laura Wehrmann: Tatsächlich übe ich diese Tätigkeit leider nicht mehr aus, weil es zum einen aus persönlichen Gründen in der letzten Einrichtung nicht mehr gepasst hat und die Alternativen in diesem Bereich kaum noch vorhanden sind, da sich Potsdam aufgrund der etwas höheren Anzahl an aufgenommenen Geflüchteten rar macht und alle seine Einrichtungen nach und nach abgesägt hat. Deshalb habe ich jetzt ein Studium zur Sozialarbeiterin angefangen.

Aber zur eigentlichen Frage: Ich denke die Träume sind im Detail sehr individuell. Aber bei jungen Menschen, die vor allem aus ärmeren Ländern kommen, ist der Wunsch und auch die Erwartung da, in Europa zu arbeiten und in der Heimat Familie, Community oder teils ganze Dörfer finanziell zu unterstützen. Sie hoffen, hier schlichtweg ein besseres Leben zu haben oder auch mit einer besseren Lebensgrundlage zurück zu gehen. Die Ernüchterung folgt dann auf dem Fuße, weil natürlich aufgrund von Hörensagen niemand damit rechnet, dass es so unfassbar schwer ist, hier überhaupt eine Arbeitserlaubnis zu bekommen oder dass man als Minderjähriger ohne Eltern in ein System rutscht, das von sehr viel Reglementierung geprägt ist - und das, nachdem man die letzten Jahre erwachsen sein musste, um zu überleben. Dazu kommt das Erlernen einer neuen Sprache, die nichts gemein hat mit der eigenen Muttersprache. Viele sind sehr oft frustriert und traurig, weil sie ihren Weg nicht sehen können und oft das Gefühl haben, hingehalten zu werden. Ich habe unfassbaren Respekt vor der Lebensleistung dieser jungen Menschen.

Immer konzentriert bei der Arbeit

Was kann ein Fußballverein wie Concordia leisten, um ein paar Steine aus dem Weg zu räumen? Hast Du den Eindruck, dass unser Verein da schon genug unternimmt?

Laura Wehrmann: Ich denke, dass Concordia tut, was man tun kann und genau die abholt, die offen für dieses besondere Angebot sind. Es ist mir in der Vergangenheit oft passiert, dass mich Jungs gefragt haben, warum wir sie in dem Kinderverein angemeldet haben und nicht wenige haben den Verein nach kurzer oder längerer Zeit verlassen, weil sie sich zu größerem berufen fühl(t)en. Ich habe dafür auch viel Verständnis. Wenn man so oft das Gefühl hat, zu scheitern oder nicht durchzusehen und auf dem Fußballplatz zeigen kann, was man kann, möchte man nicht verlieren. Man verliert gefühlt jeden Tag, wenn man die Aufgabe nicht versteht oder die Betreuer oder das Jugendamt andauernd nein sagen zu Dingen, die man gerne möchte. Aber es sind auch einige geblieben und viele wiedergekommen. Cordi bedeutet Zusammenhalt und gemeinsames wachsen. Das versteht leider nicht jeder, aber die, die es verstanden haben die spielen mit aller Liebe und Hingabe für diesen Verein und dieses Team. Einige Geflüchtete waren auch schon als Trainer in den Kinder- und Jugendteams bei Concordia tätig, weil wir es ihnen zutrauen und weil sie eine absolute Bereicherung darstellen. Ich wüsste nicht, was man mehr tun kann als in so hohem Maße inklusiv zu sein, wie wir es bereits sind.

Auch Concordia ist ziemlich männerdominiert. Mädchen spielen in den Jugendteams nur vereinzelt mit. Im Vorstand bist Du die erste und bislang einzige Frau. Dabei ist die Frauenquote im Concordia-Umfeld wahrscheinlich viel höher als in normalen Fußballvereinen. Was muss passieren, damit unser Verein mehr Frauen als Trainerinnen und Vorstandsmitglieder gewinnen kann?

Laura Wehrmann: Da weiß ich keine so richtige Antwort drauf. Es ist richtig, dass wir eine relativ hohe Quote an Zuschauerinnen haben, aber Fußball schauen, bedeutet ja nicht per se Ahnung von Fußball zu haben und das Know How zu haben, um Kinder oder Jugendliche zu trainieren. Ich selbst bin jahrelang zu Babelsberg 03 gegangen und - abgesehen von wenigen Regeln - lerne ich im Grunde jetzt erst viel Inhaltliches wenn ich mich mit Trainern und Zuschauer* innen während oder nach dem Spiel unterhalte. Vielleicht bedarf es eines stärkeren Einbindens in die Spieltage, um so in Beziehung zu treten und so den Wunsch in weiblich wie männlich gelesenen Fans zu wecken, stärker in Vereinsstrukturen einzudringen.

Frauenpower für Concordia

Im Vorstand bist Du vor allem für den Erwachsenenbereich zuständig. Du hast in den letzten Jahren so einige Stellungnahmen nach Roten Karten verfasst und Concordia in Sportgerichtsverhandlungen vertreten. Wie nimmst Du die Verbandsstruktur wahr, auf die ein junger Verein mit antirassistischer Agenda und alternativer Fanszene trifft?

Laura Wehrmann: Naja im Grunde habe ich Roman bei einer sehr umfangreichen Stellungnahme assistiert,um auch zu wissen, was auf mich zukommen könnte und zwei kleine geschrieben, die dann nicht benötigt wurden… aber das nur als kleine Korrektur.

Die Sportgerichtsverhandlung war zugegebenermaßen ein absoluter Schmiss ins kalte Wasser, wenn auch von Roman unbeabsichtigt. Der eigentliche Plan war, dass ich mir das ansehe und - wenn nötig - als Zeugin aussage. Stattdessen waren aber Christian Kuba und ich durch die Meldung als formale Vereinsvertretung quasi die Anwälte des Vereins gewesen. Nur wir durften neben dem Sportgerichtsvorsitzenden und seinen Beisitzern Fragen stellen, um uns als Verein zu entlasten. Ich schaute anfangs nur immer wieder Roman an und war ratlos, wie ich diese Situation meistern sollte. Mit der Zeit wurde ich aber etwas selbstsicherer und hielt am Ende ein Abschlussplädoyer, mit dem ich recht zufrieden war.

Die Szenerie, die diese Sportgerichtverhandlung bot, schockierte mich. Wenn man aus der Fanszene kommt und sich über einige Monate von Cordis Gestus hat prägen lassen, wirkt es fast ironisch, wie ernst sich Würdenträger der Kreisklasse nehmen und wie herablassend wir uns behandelt gefühlt haben. Es ist eine Welt, in die wir wohl mehr oder weniger alle erst reinwachsen müssen und die wir hoffentlich im Laufe der Zeit, an der einen oder anderen Stelle, positiv in eine zugewandtere Richtung prägen können. Ebenso wie wir auch unsere heißspornigeren Fans heranführen und ermutigen sollten, die Werte und Prinzipien unseres Vereins repräsentieren zu lernen, aber ich bin guter Dinge, dass wir zumindest das hinbekommen werden.

Nach der Klatsche in Stücken erholt sich die Vorstandsfrau gern in der örtlichen Kneipe.

In den vorherigen Interviews haben die Spieler unseres Erwachsenenteams immer wieder betont, wie wichtig die Unterstützung unserer Fans bei den Heimspielen auf der Sandscholle und den Auswärtsspielen ist. Andererseits gibt es natürlich immer mal wieder Probleme, weil die 2. Kreisklasse auf solche Zuschauermengen gar nicht eingestellt ist. Was wünschst Du Dir von den Concordia-Fans?

Laura Wehrmann: Im Großen und ganzen mag ich unsere Fans sehr gerne. Ich bin ja auch Teil davon und einige sind meine Freunde. Was mir immer mehr negativ aufstößt - auch aufgrund meiner wachsenden Nähe zum Team - ist die Pöbelei. Ich denke, dass es dem Team nicht hilft, im Gegenteil. Die Spieler sind eh in einem Anspannungszustand auf dem Platz, genervt von dem einen oder anderen Gegenspieler und nicht mit allem glücklich, was der Schiri entscheidet. Ich denke, dass es psychologisch viel mit so jungen Spielern macht, wenn die Stimmung immer weiter hochkocht. Das wurde mir auch so kommuniziert. Das Team wünscht sich mehr Support und weniger Pöbelei und ich teile diesen Wunsch!

….Ach und Leute: nehmt doch bitte Euren Müll nach dem Spiel wieder mit ...

Unser Erwachsenenteam steht derzeit an der Tabellenspitze. Hast Du damit vor der Saison gerechnet? Wo siehst Du die Stärken und Schwächen der Mannschaft? Was traust Du dem Team in dieser Saison zu?

Laura Wehrmann: Ich bin, ehrlich gesagt, überrascht worden davon, wie schnell sich einiges entwickelt hat in so kurzer Zeit. Selbst mir mit meinem Laienauge fällt natürlich auf, dass Josef eine tolle Stuktur in ihr Spiel gebracht hat. Aber vor allem mental sind die Jungs stark gewachsen.

Untereinander regulativ zu wirken wenn die Emotionen durchgehen, ist eine tolle Leistung, die spürbar ist. Auch wenn es an dieser Stelle immer noch Luft nach oben gibt. Unser neues Talent Spiele zu drehen, gefällt mir persönlich sehr gut.

Auch wie wunderbar sich die neugewonnenen Mitspieler, die aus der ehemaligen A-Jugend dazugekommen sind, einfügen und eingefügt wurden, ist nach so kurzer Zeit beachtlich. Das hätte ich mir persönlich im spielerischen schwieriger vorgestellt. Ich denke diese Saison kann alles drin sein, wenn sie so weitermachen wie bisher.

Gruppenbild mit Team und Fans am Stern

Was machst Du, wenn Du nicht auf dem Fußballplatz stehst?

Laura Wehrmann: Aktuell konzentriere ich mich vor allem auf mein kürzlich begonnenes Studium und versuche dabei, die Freizeit nicht zu kurz kommen zu lassen. Tatsächlich merke ich aber auch, dass mir diese Arbeit fehlt.

Welche Pläne hast Du für die nächsten Jahre persönlich und beruflich? Was brauchst Du, um glücklich zu sein?

Laura Wehrmann: Naja, das Studium wird noch eine Weile viel meiner Zeit beanspruchen. Ich hoffe, dass ich anschließend oder vielleicht auch schon währenddessen wieder eine Stelle mit dem gleichen Klientel finde, mit dem ich in der Vergangenheit gearbeitet habe. Diese Arbeit hat mich sehr erfüllt. Ein Auslandssemester würde ich im vierten Semester gerne machen. Ansonsten plane ich nicht viel, es kommt wie es kommt. Für das Team und somit auch für mich wünsche ich mir den einen oder anderen Aufstieg und bezüglich meiner Aufgaben im Verein bin ich sehr gespannt, wie sich der Erwachsenenbereich entwickelt! Ich würde mir auch wünschen, ein paar Fans für den Diner und den gerade angelaufenen Ordnungsdienst gewinnen zu können.

Wir wünschen Dir und uns allen, dass alles ganz genau so kommen wird. Vielen Dank für das Interview.